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Interview

Andre Greutz

M.A. Akademieleiter Lehrer für Pflegeberufe, Gesundheits- und Krankenpfleger

Wer sich während der Ausbildung wertgeschätzt und sicher fühlt, schlägt hier auch Wurzeln. Man bleibt eben dort, wo man weiß, dass man gebraucht wird und die Strukturen passen.
wir4: Bitte stellen Sie Ihre Schule kurz vor: Welche Bildungsgänge und Abschlüsse bieten Sie an?

Andre Greutz: Mit insgesamt 280 Ausbildungsplätzen bieten wir jungen Talenten und Quereinsteigern eine starke berufliche Heimat. Unser Fokus liegt auf der dreijährigen Ausbildung zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann sowie der einjährigen Pflegefachassistenz. Damit decken wir das gesamte Spektrum ab – vom fundierten Einstieg bis hin zur hochqualifizierten Fachkraft. Auch nach der Ausbildung begleiten wir die Profis von morgen weiter, zum Beispiel mit unserer jährlichen, 300-stündigen Weiterbildung zur Praxisanleitung.
Wir bilden im Verbund für vier renommierte Krankenhäuser aus und können dadurch eine wohnortnahe Ausbildung mit verschiedenen Schwerpunkten ermöglichen.

  • das St. Bernhard-Hospital in Kamp-Lintfort
  • das St. Josef Hospital in Xanten
  • das St. Josef Krankenhaus in Moers und
  • das St. Clemens-Hospital in Geldern
wir4: Welche Bedeutung hat Ihre Schule für die Fachkräftesicherung in der wir4- Region? Inwiefern kann Ihre Schule dazu beitragen, dass junge Menschen nach der Ausbildung in der Region bleiben?

Durch unsere verschiedenen Ausbildungsgänge ermöglichen wir jedem – völlig egal, wie alt jemand ist oder woher er kommt – den Einstieg in einen Job, der absolut krisensicher ist. Wer bei uns anfängt, merkt schnell, dass er keine Nummer ist. Wir unterstützen aktiv mit Lerncoaching und unserer eigenen Sprachschule, damit der Abschluss auch wirklich klappt.

Dass die Leute hierbleiben, liegt an der engen Bindung. Unsere Schüler kennen ihre Stationen und Kollegen oft schon in- und auswendig, bevor sie fertig sind.

Viele starten bei uns mit der einjährigen Assistenz, hängen nach dem Abschluss direkt die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft dran und kommen Jahre später für ihre Weiterbildung zum Praxisanleiter wieder zu uns zurück. Diese „Wiederkehrer-Quote“ ist unser größtes Kompliment.

Wer sich während der Ausbildung wertgeschätzt und sicher fühlt, schlägt hier auch Wurzeln. Man bleibt eben dort, wo man weiß, dass man gebraucht wird und die Strukturen passen.

wir4: Was zeichnet Ihre Schule aus Ihrer Sicht besonders aus? Welche neuen Lern- und Ausbildungskonzepte (z. B. Digitalisierung, moderne Werkstätten, neue Berufsbilder) sind vorgesehen?

Wir lassen niemanden allein. Für uns endet die Ausbildung nicht an der Klassentür. Zweimal pro Woche bieten wir eine eigene Sprachschule an, aber unsere Lehrer tun noch viel mehr: Sie helfen beim Einleben in der Region. Wir gehen gemeinsam über den Weihnachtsmarkt, unterstützen bei der Anmeldung im Sportverein oder im Fitnessstudio und helfen sogar ganz praktisch dabei, einen Hausarzt zu finden. Wir sind eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt – das ist gerade für junge Leute, die vielleicht von weiter weg zu uns kommen, ein riesiger Rückhalt.

Wir machen Schluss mit dem klassischen Papierkram. Jeder Auszubildende bekommt von uns ein vorkonfiguriertes Tablet. Das Beste daran: Nach dem Abschluss darf man das Gerät behalten, damit die über drei Jahre erarbeiteten Unterlagen nicht verloren gehen und im Berufsleben weiterhelfen.
In der Schule selbst haben wir flächendeckendes WLAN, viele Gruppenarbeitsräume und digitale Tafeln in jedem Klassenzimmer. Über unser Online-Portal können die Schüler jederzeit ihre Noten, Fehlzeiten und die nächsten Praxiseinsätze einsehen – aktuell, digital und ohne Zettelwirtschaft. Wir nutzen die Technik da, wo sie den Alltag wirklich leichter und effizienter macht.

wir4: Wie gelingt bei Ihnen die Verbindung von Theorie und Praxis?
Unsere Praxislehrer sind keine reinen Theoretiker – sie begleiten jeden Auszubildenden über die vollen drei Jahre. Sie kommen regelmäßig in die Einrichtungen vor Ort, sind bei fachlichen Fragen direkt ansprechbar und halten den engen Kontakt zur Praxis. So stellen wir sicher, dass das, was wir im Unterricht besprechen, auch eins zu eins am Patientenbett funktioniert. Es ist ein echtes Miteinander von Schule und Klinik, kein bloßes Abarbeiten von Lehrplänen.
wir4: In welchen Berufsfeldern sehen Sie aktuell den größten Fachkräftebedarf? Welche Rolle spielt Ihre Schule bei der Förderung von Bildungsgerechtigkeit und individuellen Bildungswegen?
Der größte Bedarf liegt ganz klar in der Pflege und im Handwerk. Das sind Berufe, in denen auch in 50 Jahren noch echte Menschen gebraucht werden und keine KI. Bei uns bekommt fast jeder eine Chance: Durch individuelle Konzepte und verschiedene Fördermöglichkeiten ebnen wir Wege in die Pflege, die woanders vielleicht verschlossen bleiben. Bildungsgerechtigkeit bedeutet für uns, den Menschen hinter der Bewerbung zu sehen und die Ausbildung so flexibel zu gestalten, dass sie zur jeweiligen Lebenssituation passt.
wir4: Was macht berufliche Bildung an Ihrer Schule für junge Menschen attraktiv?
Wer bei uns lernt, schleppt keine schweren Ordner oder Fachbücher mehr. Wir setzen voll auf digitale Ausstattung, was das Lernen deutlich entspannter macht. Außerdem haben wir eine echte Wohlfühlatmosphäre geschaffen: Es gibt eine Lounge, kostenlose Wasserspender mit Auswahl, einen Kaffeevollautomaten und helle, klimatisierte Räume. In den Pausen oder für Gruppenarbeiten nutzen wir unsere überdachte Terrasse und die schattigen Plätze im Außenbereich. Wir sind eine familiäre Gemeinschaft, in der niemand eine anonyme Nummer ist. Und ja, das Zwischenmenschliche feiern wir auch – zum Beispiel bei unserer Taufe, zahlreichen Kursfahrten nach Meschede oder der Abschlussfahrt nach Rom.
wir4: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen und Einrichtungen? Wie werden regionale Unternehmen konkret in die Ausbildung und Weiterentwicklung der Berufsschulen eingebunden?
Eine zentrale Rolle. Neben unseren vier festen Partner-Krankenhäusern arbeiten wir mit über 100 Pflegeeinrichtungen in der Region zusammen. Das ist für unsere Auszubildenden ein riesiger Vorteil: Sie können ihre Pflichteinsätze in ganz unterschiedlichen Bereichen absolvieren – egal ob im Altenheim, beim ambulanten Dienst, in der Pädiatrie oder der Psychiatrie. Wir pflegen zu all diesen Partnern einen kurzen Draht und einen echten Austausch auf Augenhöhe, damit Theorie und Praxis immer zusammenpassen.
wir4: Welche Themen werden die berufliche Bildung in den nächsten Jahren besonders prägen?
Die größte Herausforderung bleibt die Suche nach Fachkräften. Der Bedarf in der Pflege steigt massiv an, während das Angebot an Bewerbern eher sinkt. Darauf müssen wir reagieren, indem wir die Ausbildung so attraktiv und modern wie möglich gestalten. Ein weiteres großes Thema wird die Einbindung von KI sein – wir müssen lernen, diese Technik sinnvoll in den Arbeitsalltag zu integrieren, ohne dabei den Kern unseres Berufs aus den Augen zu verlieren: den Menschen.
wir4: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der beruflichen Bildung in der wir4- Region?
Ich wünsche mir, dass wir den guten und direkten Austausch zwischen den Schulen, den Betrieben und der Politik beibehalten und noch weiter stärken.
wir4: Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Rolle als Schulleiterin bzw. Schulleiter?
Mein Antrieb ist ein ganz persönlicher: Ich habe meine eigene Ausbildung genau an dieser Schule gemacht, die ich heute leiten darf. Ich weiß also aus erster Hand, wie prägend und wichtig diese Zeit für den weiteren Lebensweg ist. Mein Ziel ist es, jedem Auszubildenden bei uns eine genauso gute, wertschätzende und fachlich fundierte Ausbildung zu ermöglichen, wie ich sie damals selbst erleben durfte.
wir4: Herr Greutz, vielen Dank für das Gespräch!