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Interview

Christian Graack

Schulleiter - Mercator Berufskolleg

Unsere Schülerschaft ist durch eine ausgeprägte soziale, kulturelle und biografische Vielfalt gekennzeichnet. Viele der 1887 Schülerinnen, Schüler und Auszubildende haben eine Zuwanderungsgeschichte. […] Insbesondere für Lernende mit brüchigen Bildungserfahrungen verstehen wir Schule als Ort der Orientierung, Stärkung und aktiven Beteiligung.
wir4: Bitte stellen Sie Ihre Schule kurz vor: Welche Bildungsgänge und Abschlüsse bieten Sie an?

Christian Graack: Mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung hält das Mercator Berufskolleg am Standort des BerufsbildungsCampus Moers sowohl sieben vollzeitschulische als auch dreizehn ausbildungsbegleitende Bildungsgänge im Berufsschulbereich vor und damit ein breitgefächertes Spektrum an schulischen Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten. Durch das Angebot können Schülerinnen und Schüler ausgehend vom Erwerb des ersten Schulabschlusses in den Klassen der Ausbildungsvorbereitung und den Internationalen Förderklassen, über den ersten erweiterten und den mittleren Schulabschluss in der Berufsfachschule bis hin zum Fachabitur und der Allgemeinen Hochschulreife alle Abschlüsse erwirken, die das Bildungssystem vorsieht. Im Anschluss daran kann eine Ausbildung in dreizehn verschiedenen kaufmännischen Berufsbildern oder ein Studium an einer Hochschule oder Universität angestrebt werden, je nach Zielsetzung und Bedürfnis unserer Schülerinnen, Schüler und Auszubildenden.

wir4: Welche Bedeutung hat Ihre Schule für die Fachkräftesicherung in der wir4-Region? Inwiefern kann der Campus dazu beitragen, dass junge Menschen nach der Ausbildung in der Region bleiben?
Christian Graack: Aufgrund der ausgeprägten Vernetzung mit regionalen Ausbildungs- und Praktikumsbetrieben als auch der Schulen am Campus untereinander gelingt es uns Schülerinnen, Schülern und Auszubild-enden durch gezielte Beratung und Begleitung Wege in eine selbstbestimmte berufliche Zukunft zu ermöglichen und Abbrüche zu minimieren. Durch viele etablierte Formate, wie das der jährlichen Ausbildungsbörse, Veranstaltungen mit Expertinnen und Experten aus der betrieblichen Praxis, Beratungstagen und kontinuierlicher Begleitung durch Entwicklungsgespräche, unterstützt auch von verschiedenen Maßnahmenträgern, ist das Mercator Berufskolleg breit und tief vernetzt mit allen wichtigen Akteuren in der Region.
wir4: Was zeichnet Ihre Schule aus Ihrer Sicht besonders aus? Welche neuen Lern- und Ausbildungskonzepte (z. B. Digitalisierung, moderne Werkstätten, neue Berufsbilder) sind am BerufsbildungsCampus vorgesehen?

Christian Graack: Neben der professionellen Vorbereitung der Schülerinnen, Schüler und Auszubildenden auf die Aufgaben und Herausforderungen der Berufswelt im Bereich Wirtschaft und Verwaltung, definiert das Mercator Berufskolleg Moers ferner Lernen als einen sozialen Prozess und sieht damit seine Aufgabe darin, den einzelnen Menschen zu sehen und in seiner Persönlichkeit umfassend zu bilden und zu erziehen. Dabei ist es uns ein wichtiges Anliegen im Zuge der Ausbildung unseren Auszubildenden einen „Blick über den Tellerrand“ zu ermöglichen – ganz im Sinne Gerhard Mercators. Auslandspraktika gehören ebenso dazu wie die die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern in den Blick zu nehmen. Unsere Aufgabe als Schule ist es, mit unseren Schülerinnen und Schüler nicht allein die erforderlichen Fachkompetenzen für einen erfolgreichen Berufseinstieg oder die Aufnahme eines Studiums zu entwickeln. Unsere Aufgabe als Schule ist es vielmehr Anschlussperspektiven zu eröffnen, die begleitet werden von unserem Wunsch, dass unsere Schülerinnen und Schüler nicht nur der Berufseinstieg gelingt, sondern dass sie sich selbstbestimmt und eigenverantwortlich den Dingen stellen können, die diesen begleiten. Verbraucherbildung ist somit für uns ein elementarer Bestandteil ganzheitlicher Kompetenzentwicklung, egal ob es um Finanzbildung geht oder Fragen bestehender Möglichkeiten zur körperlichen und mentalen Gesunderhaltung im Arbeitsalltag.

Anschlussperspektiven zu eröffnen ist unsere Kernaufgabe, auch und gerade für die, die mit besonderem Förderbedarf ihren Weg in die berufliche Teilhabe innerhalb der Gesellschaft suchen. Das Mercator Berufskolleg hat aufgrund dessen eine Klasse gemeinsamen Lernens eingerichtet, die die inklusive Beschulung im Bereich der Ausbildungsvorbereitung weiterdenkt und durch berufsbezogene und begleitende Praktika Anschlussperspektiven für benachteiligte Schülerinnen und Schüler gezielt in den Blick nimmt.

Dieser Neubau verbindet zudem innovative Lernkonzepte mit architektonisch offenen Lernräumen. Die offene Architektur unterstützt alle am Schulleben Beteiligten unsere Werte wie soziale Vernetzung, Transparenz und gemeinsames Lernen zu ermöglichen. Die gehobene professionelle Ausstattung in unseren Klassen- und fachräumen ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Studierenden sowie den Lehrkräften ein wertschätzendes Arbeitsklima.

wir4: Wie gelingt bei Ihnen die Verbindung von Theorie und Praxis?
Christian Graack: An unserem Berufskolleg ist die Verzahnung von Theorie und Praxis in allen Bildungsgängen konzeptionell verankert. Spezielle Praktikumskonzepte und die Kooperation mit den Ausbildungs-partnern sind gelebte Praxis.
wir4: In welchen Berufsfeldern sehen Sie aktuell den größten Fachkräftebedarf? Welche Rolle spielt der Campus bei der Förderung von Bildungsgerechtigkeit und individuellen Bildungswegen?

Christian Graack: Gemessen an der aktuellen Nachfrage an Ausbildungsplätzen scheint der Bereich medizinischer Fachberufe von nach wie vor regionaler Bedeutung zu sein. Gleichermaßen werden Fachkräfte im (Einzel-)handel wie auch im Bereich Lager und Spedition offenkundig gesucht.

Bildungsgerechtigkeit: Unsere Schülerschaft ist durch eine ausgeprägte soziale, kulturelle und biografische Vielfalt gekennzeichnet. Viele der 1887 Schülerinnen, Schüler und Auszubildende haben eine Zuwanderungsgeschichte. Diese Heterogenität begreifen wir als Chance für demokratisches Lernen: Wertschätzung, Mitbestimmung, Verantwortungsübernahme und individuelle Förderung sind zentrale Prinzipien unseres pädagogischen Handelns. Insbesondere für Lernende mit brüchigen Bildungserfahrungen verstehen wir Schule als Ort der Orientierung, Stärkung und aktiven Beteiligung. Aktuell unterrichten 95 Lehrkräfte unterstützt durch zwei Schulsozialarbeiterinnen und einer Sonderpädagogin am Mercator Berufskolleg.

wir4: Was macht berufliche Bildung an Ihrer Schule für junge Menschen attraktiv?
Christian Graack: Die klare Verknüpfung des Unterrichts mit der beruflichen Alltagspraxis, Handlungsorientierung, Methodenvielfalt zur Förderung der Selbsttätigkeit und Erweiterung der Medienkompetenz durch professionelle digitale Ausstattung (Active Panels, Ipad-Klassen, PC-Räume, MS-Teams und Moodle als Unterrichtsplattformen).
wir4: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen und Einrichtungen? Wie werden regionale Unternehmen konkret in die Ausbildung und Weiterentwicklung der Berufsschulen eingebunden?

Christian Graack:

  • jährliche Ausbildungsmesse mit über 100 Ausbildungsbetrieben, gemeinsam organisiert und durchgeführt mit der Wirtschaftsförderung Moers und den regionalen Betrieben
  • Kooperationen mit der Agentur für Arbeit, dem sci:moers, der Caritas und Fachwerk
  • Experten aus der beruflichen Praxis im Unterricht
  • Berufsfelderkundungen in Kooperation mit lokalen Unternehmen und Hochschulen
wir4: Welche Themen werden die berufliche Bildung in den nächsten Jahren besonders prägen?
Christian Graack: Nach Abschluss der Qualitätsanalyse im Dezember 2024 hat das Mercator Berufskolleg der schul-fachlichen Aufsicht Ende 2025 die Zielvereinbarungen für die Schulentwicklung für die Jahre 2026 bis Juni 2029 vorgelegt. Darin legt sich die Schule für zwei systemische Entwicklungsziele fest: zum einen wird eine durchgängige, bildungsgangübergreifende Sprachförderung aus den vollzeitschulischen Bildungsgängen (APO-BK, Anlagen A1.1, B1 und B2) bin in die dreizehn berufsschulischen Ausbildungsgänge angestrebt, zum anderen wird mit dem Schwerpunkt der Erfassung der lernmotivationalen Ausgangslage und der gezielten Förderung schüleraktivierenden Unterrichts ein weiteres Entwicklungsziel in den Anlagen C und D gesetzt.
wir4: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der beruflichen Bildung in der wir4-Region? Welche Signalwirkung hat der Berufsbildungs-Campus aus Ihrer Sicht über die wir4-Region hinaus?
Christian Graack: Da wir der größte BerufsbildungsCampus in NRW sind, können wir als positives Beispiel für verzahnte berufliche Bildung fungieren. Ein Campus-Konzept, das Gelingensbedingungen für die Region ermöglicht kann insofern richtungsweisend werden. Ein Ort, an dem alle schulischen und beruflichen Möglichkeiten gebündelt werden.
wir4: Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Rolle als Schulleiterin bzw. Schulleiter?

Christian Graack: Schule hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren enorm gewandelt und wird auch in Zukunft tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen sein, die uns als Schule immer wider zu Anpassungsprozessen bewegt.

Aber jeden Tag, an dem ich das Schulgebäude betrete weiß ich, dass ich in der Bewältigung dieser herausfordernden Aufgabe nicht allein bin. Ich weiß ein motiviertes, offenes und tatkräftiges Kollegium um mich, ich habe eine tolle erweiterte Schulleitung, die mich unterstützt und ich habe mit meinem Stellvertreter eine sehr feinsinnige, kluge und wertschätzende Persönlichkeit an meiner Seite, mit der es Freude macht sich alldem täglich aufs Neue zu stellen. Und nebenbei: Auch nach beinahe einem Vierteljahrhundert in Schule freue ich mich jeden Tag hierher zu kommen, weil die Arbeit, die wir für diejenigen tun, die im Mittelpunkt all unserer Bemühungen stehen, mich wirklich erfüllt.

wir4: Welche Vorteile sehen Sie für Ihre Schule als Teil des Berufsbildungs-Campus?
Christian Graack: In unmittelbarer Kooperation mit den anderen beiden Berufskollegs am Standort in Bereichen der Beratung und Aufnahme von Bewerberinnen und Bewerbern um einen schulischen Ausbildungsplatz, in der Betreuung und Begleitung durch unsere Schulsozialarbeit, durch die gemeinsame Anstrengungen in der Vermittlung beruflicher Perspektiven und der Aufzeigens von Wegen in eine berufliche Aus- und Weiterbildung haben wir als Schulen hier am Standort einen deutlichen Mehrwert, einen echten Standortvorteil. Gemeinsam bilden wir auf dem Campus einmal das gesamte Spektrum an möglichen schulischen und beruflichen Anschlussperspektiven ab, so dass wir unserem Verständnis nach für jeden Einzelnen auch etwas Passendes finden – schulübergreifend. So verstehen wir als Schulen auch unsere Aufgabe: Nur gemeinsam können und werden wir die passende Antwort auf die Frage nach der Ausbildung von Fachkräften von morgen finden.
wir4: Herr Graack, herzlichen Dank für das Gespräch.