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Interview

Sabine Höcker

Leitung

Pflege und Betreuung haben eine große gesellschaftliche Relevanz, gerade in unserer Region. […] Unsere Schule ist daher für die Fachkräftesicherung sehr wichtig, und wir öffnen uns bewusst für internationale Auszubildende. Wir bilden viele Menschen aus dem Ausland zu Pflegekräften aus, denn ohne internationale Pflegekräfte lässt sich der Bedarf langfristig nicht decken.
Niederrhein Manager: Frau Höcker, bitte stellen Sie Ihre Schule kurz vor: Welche Bildungsgänge und Abschlüsse bieten Sie an?
Sabine Höcker: Sabine Höcker: Wir sind hier eine Berufsfachschule für Pflege. Das heißt, an diesem Standort werden Pflegekräfte in der dreijährigen generalistischen Ausbildung und in der einjährigen, ab nächstem Jahr 18 Monate dauernden Pflegefachassistentenausbildung ausgebildet. Beide Ausbildungsgänge verlaufen generalistisch, das bedeutet, dass die Auszubildenden in allen Versorgungsbereichen – im ambulanten Pflegebereich in der häuslichen Pflege, in der langzeitstationären Pflege sowie im Krankenhaus – eingesetzt werden und so einen umfassenden Einblick in alle Altersstufen erhalten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Fort- und Weiterbildung: Wir qualifizieren Pflegekräfte und Pflege-Praxisanleiter und bieten Refresher-Kurse sowie Angebote für Betreuungskräfte und Pflegehelfer mit speziellen Qualifikationen in der Behandlungspflege an. Ein drittes Feld sind die Kenntnisprüfungen für international ausgebildete Pflegekräfte, für die wir Vorbereitungskurse anbieten und die Prüfungen selbst abnehmen. Insgesamt decken wir so die drei Felder Ausbildung, Fort- und Weiterbildung sowie Anerkennung ab.
NRM: Welche Bedeutung hat Ihre Schule für die Fachkräftesicherung in der wir4-Region?
Sabine Höcker: Pflege und Betreuung haben eine große gesellschaftliche Relevanz, gerade in unserer Region. Der Bedarf an Pflegekräften, insbesondere im ambulanten Bereich und in der häuslichen Pflege, wächst, weil viele Menschen im Alter zu Hause versorgt werden möchten. Gleichzeitig kommen aktuell nicht genügend Menschen nach, die in die Ausbildung gehen, um den Bedarf zu decken. Unsere Schule ist daher für die Fachkräftesicherung sehr wichtig, und wir öffnen uns bewusst für internationale Auszubildende. Wir bilden viele Menschen aus dem Ausland zu Pflegekräften aus, denn ohne internationale Pflegekräfte lässt sich der Bedarf langfristig nicht decken.
NRM: Inwiefern kann Ihre Schule dazu beitragen, dass junge Menschen nach der Ausbildung in der Region bleiben?
Sabine Höcker: Ein entscheidender Punkt ist, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden, denn wir haben – wie viele andere Bereiche – Abbruchquoten von bis zu 30 Prozent. Wichtig ist deshalb eine enge Zusammenarbeit zwischen Berufsfachschule und Trägern der praktischen Ausbildung, damit die Auszubildenden über den gesamten Verlauf hinweg gut begleitet werden. Viele Abbrüche entstehen durch einen Praxisschock, wenn die Auszubildenden eine andere Realität erleben, sich als Lückenfüller fühlen oder den Kontakt zur Schule verlieren. Dem begegnen wir durch frühzeitige Aufklärung im Bewerbungsgespräch und im ersten Theorieblock sowie durch eine aktive Pflege der Verbindungen zu Trägern und Einrichtungen. Zusätzlich stärken Projekte wie unsere Nachhaltigkeits-AG mit dem grünen Klassenzimmer die Bindung an den Lernort und die Region, weil Ausbildung in hohem Maß Beziehungsarbeit ist und dadurch Fachkräfte vor Ort gehalten werden.
NRM: Was zeichnet Ihre Schule im Hinblick auf neue Lern- und Ausbildungskonzepte besonders aus?
Sabine Höcker: Ein zentrales Projekt ist unser SimLab in der ersten Etage, ein Simulationslabor für realitätsnahe Pflegesituationen. Dort arbeiten wir mit einer elektronischen Pflegepuppe oder mit Schauspielenden, die nach Drehbuch Pflegesituationen darstellen, in die die Auszubildenden je nach Ausbildungsstand hineingehen. Die Szenen werden per Audio und Video aufgezeichnet und anschließend ausgewertet, was ein anderes Lerngefühl erzeugt als klassische Übungen am Bett. So können die Auszubildenden ihr Handeln reflektieren, Perspektivwechsel vollziehen und Kompetenzen in einem geschützten Raum entwickeln, ohne dass realen Patienten etwas passieren kann. Ergänzend nutzen wir eine digitale Austauschplattform für Unterrichtsmaterial und Online-Unterricht sowie eine VR-Brille, die für uns selbstverständliche Bestandteile moderner Pflegebildung geworden ist.
NRM: Wie gelingt bei Ihnen die Verbindung von Theorie und Praxis?
Sabine Höcker: In der Pflegeausbildung sind wir gesetzlich verpflichtet, Theorie und Praxis eng zu verzahnen, und das setzen wir konsequent um. Ein wichtiger Baustein sind Praxisbegleitungen: Dozentinnen und Dozenten gehen in die Einrichtungen, begleiten Pflegesituationen vor Ort und bleiben so im direkten Kontakt mit den Auszubildenden. Unsere Dozenten hospitieren zudem regelmäßig in den Einrichtungen, um den Pflegealltag mitzuerleben und diese Erfahrungen in den Unterricht zurückzutragen. Ebenso wesentlich ist der Austausch mit den Praxisanleitern, die vor jedem Praxisblock in die Schule eingeladen werden, um Abläufe, Inhalte und Anforderungen abzustimmen. Darüber hinaus binden wir die verantwortlichen Personen der Träger in Praxisbesuche ein, um gemeinsam zu prüfen, wie gut der Theorie-Praxis-Transfer gelingt und wo nachgesteuert werden muss.
NRM: Was macht berufliche Bildung an Ihrer Schule für junge Menschen attraktiv?
Sabine Höcker: Viele Bewerberinnen und Bewerber nennen als Hauptmotiv, dass sie in diesem Beruf etwas zurückbekommen und dankbare, sehr menschliche Begegnungen erleben. Die Pflege hat durch das Pflegeberufegesetz mit der generalistischen Ausbildung, erweiterten Verantwortungsbereichen und Vorbehaltsaufgaben eine höhere berufliche Wertigkeit erhalten. Pflegefachkräfte verstehen sich als eigenständige Profession mit einem breiten Kompetenzspektrum und vielfältigen Entwicklungsperspektiven, etwa über Spezialisierungen oder Studiengänge in Management, Pädagogik oder Pflegewissenschaft. Viele Auszubildende schätzen diese Verbindung aus Sinnhaftigkeit, erlebter Selbstwirksamkeit, solider Vergütung und zahlreichen Karrierewegen, die unsere Schule durch die enge Verknüpfung von Grundausbildung, Fort- und Weiterbildung eröffnet.
NRM: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen und Einrichtungen?
Sabine Höcker: Für uns als Schule in freier Trägerschaft, die nicht an ein Krankenhaus oder einen großen Trägerverbund angegliedert ist, ist die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern existenziell. Mit Krankenhäusern, stationären Einrichtungen und ambulanten Diensten kooperieren wir eng, weil dort die praktische Ausbildung stattfindet und nur das Zusammenspiel von Theorie und Praxis eine hochwertige Pflegeausbildung ermöglicht. Darüber hinaus pflegen wir Kooperationen mit weiteren Akteuren wie einem Bestattungsinstitut, einem Hörgeräteakustiker, einem Optiker oder einem Museum zur NS-Zeit, um ein umfassendes Bild von Pflege, Gesundheit und Gesellschaft zu vermitteln. Diese Netzwerke fördern zugleich die Integration unserer oft internationalen Auszubildenden in Stadt und Region, weil sie die Lebens- und Arbeitswelt vor Ort unmittelbar kennenlernen.
NRM: Welche Themen werden die berufliche Bildung aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren besonders prägen?
Sabine Höcker: Ich sehe weiterhin die drei Megatrends Digitalisierung, Migration und Nachhaltigkeit als prägend für die berufliche Bildung in der Pflege. Wir haben unser Curriculum evaluiert und geprüft, an welchen Stellen wir diese Themen verankern können, etwa wenn es darum geht, den Stationsalltag nachhaltiger zu gestalten oder digitale Technologien sinnvoll einzubinden. Nachhaltigkeit betrifft uns ökonomisch, damit Einrichtungen handlungsfähig bleiben, und ökologisch, beispielsweise bei der Auswahl von Materialien zur Wundversorgung, um Müll zu reduzieren. Migration ist für uns Alltag, weil je nach Kurs 50 bis 70 Prozent der Auszubildenden internationale Herkunft haben und wir daher angepasste Kommunikation, passende didaktische Konzepte und eine hohe Sensibilität für kulturelle und religiöse Unterschiede benötigen.
NRM: Frau Höcker, herzlichen Dank für das Gespräch!